Wo zwei geologische Welten aufeinandertreffen
Ronnys Bewertung

Kondition

Landschaft
Diese Rundtour im Rätikon, zwischen dem Prättigau in Graubünden und dem Montafon in Vorarlberg, führt durch eine der eindrücklichsten geologischen Landschaften der Alpen. Was sie so einzigartig macht, ist das unmittelbare Aufeinandertreffen zweier völlig unterschiedlicher Gesteinszonen. Hier begegnen sich buchstäblich zwei Welten.
Auf der Schweizer Seite dominiert der helle Sulzfluh-Kalk, der vor rund 150 Millionen Jahren durch Ablagerungen von Korallen und Muscheln im Tethysmeer entstand. Auf der österreichischen Seite hingegen prägen wesentlich ältere, dunkle Gesteine wie Gneis und Amphibolit die Landschaft. Bei der Entstehung der Alpen schob sich die afrikanische Kontinentalplatte gegen und teilweise über die europäische. So liegen heute Gesteinsschichten völlig unterschiedlicher Herkunft unmittelbar nebeneinander.
Regen und Schmelzwasser lösen auf der Schweizer Seite den Kalkstein über Jahrtausende hinweg auf. Dadurch entstanden die typischen scharfkantigen Karrenfelder an der Oberfläche und gewaltige Höhlensysteme im Untergrund. Ein eindrücklicher Zeuge dieses natürlichen Entwässerungssystems ist die «Weberlisch Höli», an der diese Rundtour vorbeiführt.
So klar die beiden Gesteinszonen aus geologischer Sicht die Schweiz und Österreich voneinander unterscheiden, so deutlich zeigen sich auch verbindende Elemente. Sowohl das Prättigau als auch das Montafon wurden im 13. und 14. Jahrhundert von Walsern besiedelt. Die typischen sonnenverbrannten Holzhäuser, Ställe und alpinen Streusiedlungen, wie sie in Partnun besonders schön zu sehen sind, prägen hüben wie drüben das Landschaftsbild. Auch sprachlich ist trotz der unterschiedlichen Entwicklung über die Jahrhunderte der alemannische Einfluss der Walser noch immer unverkennbar.
Trotz der gemeinsamen Walserwurzeln gibt es jedoch einen prägenden kulturellen Unterschied: Das Prättigau schloss sich während der Reformation dem evangelisch-reformierten Glauben an, während das Montafon römisch-katholisch blieb.
Diese geologische Vielfalt, kombiniert mit der von den Walsern geprägten Kulturlandschaft, macht die Rundtour aussergewöhnlich. Selten erlebt man auf vergleichsweise engem Raum derart unterschiedliche Landschaftsbilder. Eine Mitwanderin brachte es treffend auf den Punkt: Hinter jeder Ecke öffnet sich eine neue Perspektive, eine unerwartete Szenerie. Zusammen mit den grossartigen Fernsichten auf die Bündner, Vorarlberger und Tiroler Bergwelt entsteht eine Tour, die lange in Erinnerung bleibt.
Etappe: Partnun – Partnunsee
Die Einstiegsetappe bis zum Partnunsee ist gemütlich. Etwas mehr als 100 Höhenmeter sind in rund 30 Minuten zu bewältigen. Der Weg verläuft dem Talboden entlang: Linker Hand verteilen sich typische Walserhäuser über weite Alpweiden, rechter Hand dominieren die steilen Felswände der Schijenfluh und der Wiss Platta.
Schon bald zeigt sich der Partnunsee. An heissen Sommertagen lädt er zum Baden und Schwimmen ein. Ein Bootssteg erleichtert den Einstieg ins kühle Bergwasser.
Etappe: Partnunsee – Tilisunafürggli – Tilisunahütte ÖAV
War die erste Etappe noch gemütlich, wird die zweite deutlich schweisstreibender. In einem weiten S-Bogen steigt der Weg über rund 350 Höhenmeter zum Tilisunafürggli auf 2’220 Metern über Meer an.
Zunächst führt er entlang der linken Bergflanke, später wechselt er auf die rechte Seite. Mehrere Passagen sind steil und verlangen eine gute Balance; stellenweise kann auch der Einsatz der Hände hilfreich sein.
Faszinierend ist die geologische Topografie. So weit das Auge reicht, prägen vom Wasser geformte Karrenfelder die Landschaft. Kurz vor dem Tilisunafürggli überquert man eine Hochebene, begleitet vom Pfeifen der Murmeltiere. Wer aufmerksam Ausschau hält, kann mit etwas Glück auch Gämsen entdecken.
Ist das Tilisunafürggli erreicht, wird gleichzeitig die Grenze zu Österreich überschritten. Bis zur Tilisunahütte des Österreichischen Alpenvereins ist es nun nur noch ein gemütlicher Spaziergang.
Etappe: Tilisunahütte ÖAV – Plasseggapass
Von der Tilisunahütte auf 2’211 Metern führt die Route zum Plasseggapass auf 2’353 Metern über Meer. Der Weg steigt und fällt dabei immer wieder leicht.
Grandios sind nun die Fernsichten Richtung Österreich. Der Blick reicht über die Vorarlberger Bergwelt bis zu den Gipfeln der Tiroler Alpen, die dahinter hervorragen.
Auf diesem Abschnitt wird auch die Grenze zwischen den beiden Gesteinswelten besonders augenfällig: Der weisslich-hellgraue Kalk trifft auf dunklen Gneis und Amphibolit. Geologie wird hier nicht nur erklärt – man kann sie mit eigenen Augen sehen.
Auf dem Plasseggapass ist der höchste Punkt der Rundtour erreicht. Gleichzeitig führt der Weg zurück in die Schweiz.
Etappe: Plasseggapass – Partnun
Die Abstiegs-Etappe hat es in sich. Zu Beginn geht es noch vergleichsweise gemächlich talwärts. Spätestens bei der Engi, wo der Weg seine Richtung zurück nach Partnun ändert, wird der Abstieg jedoch anspruchsvoll.
Über eine längere Passage führt der Weg sehr steil hinunter. Hier sind volle Konzentration und Trittsicherheit gefragt – jeder Schritt sollte sitzen. Wanderstöcke sind auf diesem Abschnitt eine wertvolle Unterstützung.
Wer die anspruchsvollste Passage hinter sich gebracht hat, sollte den Blick zur Felswand rechter Hand nicht verpassen. Dort öffnet sich ein grosses Loch im Fels: die «Weberlisch Höli». Sie ist Teil jenes Karstsystems, das durch die stetige Wirkung von Regen- und Schmelzwasser im Sulzfluh-Kalk entstanden ist.
Wir haben die Rundtour im Uhrzeigersinn absolviert. Selbstverständlich ist sie auch in der Gegenrichtung möglich. Die zu bewältigenden Höhenmeter bleiben dieselben, der Aufstieg im Uhrzeigersinn ist jedoch weniger steil als jener in der entgegengesetzten Richtung.
Übernachten und Einkehren
Vor und nach der Tour übernachteten wir im nostalgischen und sehr gemütlichen Berghaus Sulzfluh. Neben Mehrbettzimmern stehen Ein-, Zwei-, Drei- und Fünfbettzimmer zur Verfügung.
Wer ein Ambiente wie zu Grossmutters Zeiten mag, wählt eines der Nostalgiezimmer mit Nasszelle auf der Etage. Wer eine eigene Nasszelle bevorzugt, findet im neueren Teil des Hauses entsprechende Zimmer.
Unabhängig von der Wahl ist das Berghaus Sulzfluh ein idealer Ausgangspunkt für diese Rundtour. Kulinarisch wurden wir sowohl beim Abendessen als auch beim Frühstück bestens verwöhnt. Alles war tipptopp sauber, und Simona und ihre Crew begegneten den Gästen mit viel Freundlichkeit und Kompetenz. So macht Übernachten in den Bergen Spass.
Und wer nach der Wanderung noch etwas Entspannung sucht: Das Berghaus verfügt sogar über einen Aussen-Hotpot und eine Sauna.
Etwa in der Mitte der Rundtour liegt auf österreichischer Seite die Tilisunahütte ÖAV. Sie bietet eine reichhaltige Karte für den grossen und kleinen Hunger – bei schönem Wetter auf der Terrasse, bei kühleren Temperaturen gemütlich drinnen.
Und wer schon einmal in Österreich ist, sollte sich eine Mehlspeise nicht entgehen lassen: den Kaiserschmarrn. Nicht nur als kulinarische Bestätigung des Grenzübertritts – sondern vor allem, weil er auf der Tilisunahütte ausgezeichnet schmeckt und in bester Erinnerung bleibt.
Einige Fotos wurden mir freundlicherweise von Simone Führer @echo.yoga.simone, Julia Köpfli @juliakoepfli, Mario Siano @marioken72, Oliver Stäcker @kuro.yaki_ceramic und Alain Zurbuchen @alzu77 zur Verfügung gestellt.
Anreise und Rückreise
Anreise: Mit der SBB oder der Südostbahn SOB bis Landquart (GR). Fortsetzung der Reise ab Landquart bis Küblis (GR) mit der Rhätischen Bahn RhB. In Küblis umsteigen auf das Postauto (Linie 222) bis St. Antönien Sagaris (GR). Ab St. Antönien Sagaris bis nach St. Antönien Partnun (GR) zu Fuss. Der Fussweg nimmt ca. 30 Minuten in Anspruch.
Ende Juni bis Mitte August verkehrt das Postauto der Linie 227 ab Küblis bis St. Antönien Partnun. Dies jedoch nur dreimal täglich. Je ein Service am Morgen, über Mittag und am späteren Nachmittag.
Rückreise: wie Anreise
Nützliche Links für deine Reiseplanung:
Fahrplan SBB bzw. Fahrplan Postauto
Etappen
St. Antönien, Partnun | 0 | 1’763 m.ü.M. | |
Partnunsee | 25 Minuten | 1’868 m.ü.M. | |
Tilisunahütte ÖAV | 2 Stunden | 2’211 m.ü.M. | |
Plasseggapass | 3 Std. 10 Minuten | 2’353 m.ü.M. | |
St. Antönien, Partnun | 4 Std. 30 Minuten | 1’763 m.ü.M. |
Verpflegungstipps
Berghaus Sulzfluh, Partnun b. St. Antönien | Link zur Webseite |
Berghaus Alpenrösli, Partnun b. St. Antönien | Link zur Webseite |
Tilisunahütte ÖAV, Tschagguns | Link zur Webseite |
Übernachtungstipps
Berghaus Sulzfluh, Partnun b. St. Antönien | Link zur Webseite |
Berghaus Alpenrösli, Partnun b. St. Antönien | Link zur Webseite |
Tilisunahütte ÖAV, Tschagguns | Link zur Webseite |



















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