Plan B auf der Glattalp – vom Wetter ausgebremst, von der Geschichte überrascht
Ronnys Bewertung

Kondition

Landschaft
Wir kamen wegen einer grossen Bergwanderung – und lernten wegen des Wetters die Glattalp selbst kennen.
Geplant war die Route von der Glattalp über den Seeboden zur Furggele, der Legerwand entlang bis Bützi und weiter nach Braunwald, dem beliebten Ferienort hoch über dem Glarner Linthal. Dichter Nebel und Nässe zwangen uns jedoch bereits kurz vor dem ersten Etappenziel Seeboden zur Umkehr. Ein Weiterwandern wäre angesichts der technisch anspruchsvollen Passagen nicht verantwortbar gewesen.
Die Enttäuschung war gross. Der Entscheid war trotzdem richtig. Ärger gab es höchstens über die Wetterprognosen, die diesen Wetterumschwung kaum erahnen liessen. Vielleicht hätte einer der berühmten Muotathaler Wetterschmöcker tatsächlich genauer gelegen.
Etappe: Bergstation Glattalp – Umrundung Glattalpsee – Bergstation Glattalp
Aus Plan A wurde Plan B: die Umrundung des Glattalpsees.
Wir entschieden uns für den Uhrzeigersinn. Die linke Seeseite – von der Bergstation aus gesehen – ist eher eine Alpstrasse als ein Wanderweg und entsprechend einfach zu begehen. Die rechte Seeseite trägt dagegen klar den Charakter eines Bergwanderwegs. Dort führt der Pfad immer wieder unmittelbar dem Ufer entlang, steigt leicht an, fällt wieder ab und wird stellenweise schmal.
An diesem kühlen Septembermorgen zeigte sich die Glattalp von ihrer rauen Seite. Nebel, Nässe und Kälte gehören zu dieser Hochebene genauso wie sonnige Sommertage.
Die Glattalp zählt nämlich zu den ausgeprägtesten Kältelöchern der Schweiz. Im Februar 1991 wurde hier eine Temperatur von –52,5 Grad Celsius gemessen. Dieser Wert gilt zwar nicht als offizieller Schweizer Kälterekord, weil die Messung nicht unter den Bedingungen einer MeteoSchweiz-Station erfolgte. Der offizielle Rekord bleibt deshalb La Brévine mit –41,8 Grad Celsius.
Dennoch erklärt diese Messung den Charakter der Glattalp eindrücklich. Die Hochebene liegt in einer Mulde. Bei klarem Himmel und wenig Wind fliesst kalte Luft von den umliegenden Hängen nach unten und sammelt sich wie Wasser auf dem Talboden. Es entsteht ein sogenannter Kaltluftsee. Deshalb hält sich hier der Schnee oft bis in den Mai oder sogar Juni, obwohl die Glattalp unter 2’000 Metern über Meer liegt.
Auch geologisch ist die Glattalp faszinierend. Das Gebiet besteht grösstenteils aus Kalkstein, der über Jahrtausende vom Regenwasser aufgelöst wurde. So entstanden die für das Muotatal typischen Karstlandschaften mit Karren, Dolinen, Spalten und riesigen unterirdischen Höhlensystemen.
Selbst der Glattalpsee entwässert unterirdisch. Die Wassermengen, die im verkarsteten Untergrund verschwinden, sind so gross, dass sie zur Energiegewinnung genutzt werden – eine Besonderheit, die man sonst vor allem von künstlich gestauten Seen kennt.
Etappe: Bergstation Glattalp – Talstation Sahli
Der Abstieg nach Sahli umfasst fast 750 Höhenmeter – und hat es in sich. Der Weg ist durchgehend steil, viele Abschnitte bestehen aus Treppen.
Die Anstrengung wird jedoch mit einer überraschend abwechslungsreichen Landschaft belohnt. Besonders eindrücklich ist der Blick auf die gegenüberliegende Alp mit dem blaugrünen Waldisee. Dahinter ragen Alpler Stock, Schächentaler Windgällen, Geissberg und Rau Stöckli in den Himmel – eine Kulisse, die bei besserem Wetter wohl noch spektakulärer gewesen wäre.
Auch dieser Weg erzählt Geschichte. Das Inventar historischer Verkehrswege belegt, dass bereits 1616 auswärtige Strassenarbeiter beim Ausbau der Wege zwischen Glattalp und Charetalp eingesetzt wurden. Der heutige Wanderweg folgt also einer jahrhundertealten Tradition von Alp- und Viehwegen.
Ebenso spannend ist eine andere Entdeckung: Schon früher nutzten die Älpler die kalte Luft, die aus Karstspalten austrat, um Milch und Käse zu kühlen. Die Kälte der Glattalp war also nicht nur eine Herausforderung für die Alpwirtschaft – sie wurde gleichzeitig zu einem wertvollen Helfer.
So schliesst sich der Kreis dieser Wanderung. Das Wetter vereitelte zwar unseren ursprünglichen Plan. Gleichzeitig führte uns genau dieser Plan B zu Geschichten, die wir auf der grossen Tour vermutlich gar nie entdeckt hätten.
Verpflegung und Übernachten
Die Nacht vor der Wanderung verbrachten wir im Berggasthaus Glattalp auf 1’856 Metern über Meer.
Das kleine Berghaus verfügt über zwei Doppelzimmer, ein Achtbettzimmer und ein Matratzenlager. Es ist heimelig, authentisch und genau der richtige Ort für einen Abend auf dieser abgelegenen Hochebene.
Kulinarisch wurden wir bestens verwöhnt. Das Viergang-Abendessen in der gemütlichen Stube war ausgezeichnet, ebenso das Frühstück, das keine Wünsche offenliess. Wir haben uns rundum wohlgefühlt – und freuen uns schon heute auf eine Rückkehr.
Ein praktischer Hinweis zum Schluss: Im Berggasthaus Glattalp ist nur Barzahlung möglich.
Anreise und Rückreise
Anreise: Mit der SBB oder der Südostbahn SOB bis Arth-Goldau (SZ). In Arth-Goldau Weiterfahrt mit dem Bus der Linie 501 (Kante D) bis Muotathal, Post (SZ). Anschliessend umsteigen auf den Bus der Linie 506 (Kante ERSATZ, Stand Sept. 26) bis zur Endhaltestelle Bisisthal, Sahli Talstation Seilbahn Glattalp (SZ). Mit der Seilbahn hochfahren bis zur Bergstation Glattalp.
Rückreise: Ab Bisisthal, Sahli Talstation Seilbahn Rückreise wie Anreise.
Nützliche Links für deine Reiseplanung:
Fahrplan SBB bzw. Fahrplan Postauto
Etappen
Bergstation Glattalp | 0 | 1877 m.ü.M. | |
Bergstation Glattalp | 1 Std. 40 Minuten | 1877 m.ü.M. | |
Talstation Glattalp, Sahli | 3 Std. 15 Minuten | 1147 m.ü.M. |
Verpflegungstipps
Berggasthaus Glattalp, Muotathal | Link zur Webseite |
SAC Glattalphütte, Muotathal | Link zur Webseite |
Bergwirtschaft Sahli, Muotathal | Link zur Webseite |
Übernachtungstipps
Berggasthaus Glattalp, Muotathal | Link zur Webseite |
SAC Glattalphütte, Muotathal | Link zur Webseite |














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