Zum Hauptinhalt springen
4. September 2026

Entlang der „Toten Ebene“ zwischen Nordsee und Mittelmeer

Ronnys Bewertung

Kondition

Landschaft


Nur selten verfügt eine Wanderung über eine derart vielfältige Dramaturgie wie diese. Sie beginnt in der beinahe lebensfeindlich wirkenden Welt der Plaine Morte, führt durch die wilde Hochgebirgslandschaft der Wysshorelücke, passiert eine Wasserscheide, erreicht mit der Wildstrubelhütte wieder ein Stück Zivilisation, folgt einem jahrtausendealten Alpenübergang und endet schliesslich in der grünen Kulturlandschaft der Iffigenalp.

Aber eins nach dem anderen.

Etappe: Pointe de la Plaine Morte – Wysshorelücke
Bereits die Fahrt mit der Seilbahn von Crans-Montana hinauf zur Pointe de la Plaine Morte bietet bei klaren Wetterverhältnissen grandiose Fernsichten. Vor einem präsentiert sich die ganze Kette der Walliser und Savoyer Alpen mit Dutzenden von Drei- und Viertausendern. Der Blick reicht vom Dom über Weisshorn, Matterhorn und Dent Blanche bis zum Mont Blanc.

Kaum bei der Bergstation angekommen, zeigt sich bereits ein Schlüsselelement dieser Tour: die Plaine Morte – die «Tote Ebene». Der Glacier de la Plaine Morte ist nicht irgendein Alpengletscher. Seine aussergewöhnlich flache Topografie macht ihn besonders interessant für die wissenschaftliche Beobachtung seiner Massenbilanz.

Sein Name könnte treffender kaum sein. Wie ein riesiger, erstarrter See liegt der Gletscher inmitten einer kargen Hochgebirgslandschaft. Fast wie auf dem Mond. Diese Kombination aus Eis, Fels und Weite wirkt faszinierend, gleichzeitig aber auch etwas unheimlich und surreal.

Die Wanderung führt nun über den Grat, vorbei an der Pointe de Vatseret, in Richtung Wysshorelücke. Rechter Hand begleitet einen die Plaine Morte, etwas später zeigt sich links tief unten im Talkessel der Lac de Huiton. Nach der Pointe de Vatseret beginnt der kurze, aber steile Aufstieg zur Wysshorelücke.

Etappe: Wysshorelücke – Rawilpass
Die Wysshorelücke hat es in sich – und zwar gleich in zweifacher Hinsicht.

Einerseits öffnet sich hier erstmals der Blick Richtung Norden. Statt der imposanten Gipfel der Walliser und Savoyer Alpen zeigen sich nun die sanfteren Voralpen des westlichen Berner Oberlands und des Freiburgerlands. Weit hinten am Horizont sind sogar Teile der Jurakette zu erkennen.

Andererseits ist die Passage über die Wysshorelücke technisch anspruchsvoll. Mit knapp 200 Metern ist sie zwar kurz, verlangt jedoch volle Konzentration und Trittsicherheit. Handketten bieten zusätzliche Sicherheit.

Der Übergang liegt auf rund 2’900 Metern über Meer. Insbesondere bei hartem Altschnee können die letzten Meter nördlich der Wysshorelücke heikel sein. Deshalb empfiehlt es sich, vor der Tour bei der Wildstrubelhütte nach den aktuellen Verhältnissen zu fragen.

Nach der Wysshorelücke führt ein kurzer Abstieg zur Wildstrubelhütte, die auf einem kleinen Plateau liegt. Anschliessend geht es erneut steil bergab. An einzelnen Stellen ist der Einsatz der Hände hilfreich. Konzentration und Trittsicherheit bleiben gefragt, eine unmittelbare Absturzgefahr besteht jedoch nicht.

Auf rund 2’555 Metern zweigt ein direkter Weg zur Iffigenalp ab. Wir entscheiden uns jedoch für die längere Variante über den Rawilpass. Von hier führt der Weg – abgesehen von kleineren Auf- und Abstiegen – mehrheitlich der Bergflanke entlang.

Der Rawilpass am Rande einer kleinen Hochebene bildet nicht nur das Ende dieser Etappe, sondern gleichzeitig eine bedeutende Wasserscheide. Auf der Berner Seite fliesst das Wasser über Iffigbach, Simme, Aare und Rhein in die Nordsee. Südlich des Passes gelangt es über die Liène und die Rhône ins Mittelmeer.

Solche geografischen Fixpunkte lösen bei mir immer wieder Begeisterung aus. Faszinierend, dass wenige Schritte darüber entscheiden, ob ein Regentropfen seine Reise Richtung Nordsee oder Mittelmeer fortsetzt.

Doch der Rawilpass verbindet nicht nur zwei Einzugsgebiete. Archäologische Funde belegen, dass dieser Übergang bereits in der Jungstein-, Bronze- und Römerzeit als Verbindung zwischen dem Simmental und dem Rhônetal genutzt wurde. Auch im Mittelalter war der Rawil ein wichtiger Übergang zwischen dem Berner Oberland und dem Mittelwallis.

In den 1960er-Jahren sollte der Rawil sogar Teil einer modernen Verkehrsverbindung zwischen Bern und Sion werden. Geplant war eine Nationalstrasse vom Thunersee durch das Simmental bis nach Lenk. Ein rund vier Kilometer langer Tunnel hätte den Rawil unterquert und die Verbindung zum Walliser Nationalstrassennetz hergestellt.

Das Projekt stiess jedoch auf immer grösseren Widerstand. Eine Anfang der 1980er-Jahre eingereichte Volksinitiative mit über 124’000 Unterschriften erhöhte den politischen Druck erheblich. Hinzu kamen geologische Probleme: Ein Sondierstollen auf Walliser Seite führte zu einer starken Entwässerung des Gebirges und zu Verformungen an der Staumauer des Lac de Tseuzier. Schliesslich wurde das Nationalstrassenprojekt aufgegeben.

Heute darf man darüber durchaus froh sein. Statt Verkehrslärm und Autobahninfrastruktur prägen noch immer Bergwege, Wasserläufe und eine weitgehend ursprüngliche Hochgebirgslandschaft diesen jahrtausendealten Übergang.

Etappe: Rawilpass – Iffigenalp
Für diese Etappe gibt es eigentlich nur eine Beschreibung: Abstieg.

Auf rund viereinhalb Kilometern sind während etwa eineinhalb Stunden mehr als 850 Höhenmeter zu bewältigen. In unzähligen Kehren windet sich der Weg den Berghang hinunter – gefühlt manchmal ohne Ende.

Nach der Blattihütte folgt der für mich anspruchsvollste Abschnitt. Der schmale Weg führt teilweise unmittelbar an steilen Felswänden entlang. Rechter Hand fällt das Gelände stellenweise stark ab. Für Menschen, die nicht schwindelfrei sind, ist diese Passage eine Herausforderung. Ich jedenfalls kam hier an meine Grenzen.

Handketten bieten an mehreren Stellen zusätzliche Sicherheit. Dennoch gilt: Jeder Schritt muss sitzen, volle Konzentration ist gefragt.

Umso grösser ist die Erleichterung, wenn sich die Landschaft schliesslich wieder öffnet und die grüne Iffigenalp näher rückt. Nach der kargen Hochgebirgswelt der Plaine Morte könnte der Kontrast kaum grösser sein.

Schlafen und Verpflegung
Die Nacht vor der Tour verbrachte ich im Colorado Riders Chalet in Crans-Montana. Das Hotel überzeugt mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis und insbesondere mit seiner Lage: Zur Talstation der Seilbahn auf die Pointe de la Plaine Morte sind es nur wenige Gehminuten.

Die Auswahl an Restaurants in unmittelbarer Umgebung ist allerdings beschränkt. Ein Bus verbindet das Gebiet zwei- bis dreimal pro Stunde mit den Zentren von Crans-Montana. In den Zentren von Crans-Montana gibt es ein grosses Angebot an unterschiedlichsten Restaurants. Die Fahrt mit dem Lokalbus ist kostenlos.

Das Hotel stammt aus den 1980er-Jahren und wurde teilweise renoviert. Die älteren Bereiche werden mit einer guten Portion Alpen-Chic aufgefangen. Mein Zimmer war gemütlich, tipptopp sauber und verfügte über einen Balkon mit schöner Aussicht auf die gegenüberliegende Bergwelt und den Eingang ins Val d’Anniviers. Auch die Nasszelle bot alles Nötige. Das Frühstücksbuffet liess keine Wünsche offen und sorgte für die notwendige Stärkung vor dem langen Wandertag.

Für eine Zwischenverpflegung bietet sich die Wildstrubelhütte an. Hüttenfeeling pur! Bei warmem und sonnigem Wetter lädt eine kleine Terrasse zum Verweilen ein. Die Auswahl an Speisen und Getränken ist der Höhenlage entsprechend überschaubar. Da die Hütte über keine eigene Quelle verfügt, ist das Wasser pro Person rationiert.

Zum Abschluss der Tour wartet das romantische Berghaus Iffigenalp. Übernachtet und gegessen habe ich hier bereits früher – und das Haus gehörte schon damals zu meinen bevorzugten Adressen.

Nach dieser Tour ist meine Wertschätzung nochmals gestiegen. Kurz vor dem Berghaus stürzte ich und zog mir blutende Wunden an Arm und Hand zu. Kaum hatte ich am Tisch Platz genommen, kam unaufgefordert ein Mitarbeiter mit einem Notfallset und versorgte meine Verletzungen.

Eine kleine Geste vielleicht – für mich in diesem Moment aber alles andere als selbstverständlich. Diese Hilfsbereitschaft werde ich nicht vergessen. Das Berghaus Iffigenalp hat seinen Platz unter meinen persönlichen Top-Adressen damit mehr als bestätigt.

Anreise und Rückreise

Anreise: Mit der SBB oder der BLS bis Visp (VS). In Visp umsteigen und Weiterfahrt mit der SBB bis Sierre/Siders (VS). In Sierre/Siders zu Fuss bis zur Talstation der Drahtseilbahn Sierre-Crans-Montana SCM. Diese befindet sich im Zentrum von Sierre/Siders. Ab Bahnhof sind es ca. 5 Minuten Fussweg. Der Weg ist ab Bahnhof Sierre/Siders bis zur Talstation der Drahtseilbahn am Boden mit einer roten Linie markiert. Ab der Bergstation Crans-Montana Gare (VS) mit dem Bus der Linie 431 bis Crans-Montana télé Violet (VS). Die Busfahrt ist kostenlos. Zu Fuss nimmt die Strecke von der Bergstation Crans-Montana Gare bis zur Talstation téle Violet ca. 25 Minuten in Anspruch. Ab télé Violet mit der Seilbahn hoch bis zur Bergstation Pointe de la Plaine Morte (VS).

Rückreise: Ab der Iffigenalp mit dem Bus der Linie 282 bis Lenk Bahnhof (BE). Ab Lenk mit der Montreux-Oberland-Bahn MOB bis Zweisimmen (BE). In Zweisimmen umsteigen auf die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn BLS bis Bern (BE). Ab Bern Weiterreise wie Anreise.

Nützliche Links für deine Reiseplanung:
Fahrplan SBB bzw. Fahrplan Postauto

Tourdaten

Schwierigkeit
Symbol Schwierigkeit der Tour
Mittel, Schwer
SAC-Einstufung
SAC- Einstufung
T3
Beste Jahreszeit
Symbol Beste Jahreszeit der Wanderung
Mitte Jul – anfangs Okt
Tourlänge
Symbol für Länge der Wanderung
9.9 km
Tourdauer
Symbol für Dauer der Wanderung
3 ¾ Stunden
Aufstieg
Symbol für Aufstiegsmeter der Wanderung
257 m
Abstieg
Symbol für Abstiegsmeter der Wanderung
1555 m

Wanderkarte und Höhenprofil


Etappen

Symbol Schwierigkeit der Tour
Pointe de la Plaine Morte
0
2’881 m.ü.M.
Symbol Schwierigkeit der Tour
Wysshorelücke
1 Std.
2’851 m.ü.M.
Symbol Schwierigkeit der Tour
Rawilpass
2 Std. 10 Minuten
2’428 m.ü.M.
Symbol Schwierigkeit der Tour
Iffigenalp
3 Std. 45 Minuten
1’585 m.ü.M.


Verpflegungs­tipps

Brasserie Mosaic, Crans-Montana
Link zur Webseite
Wildstrubelhütte, Lenk i. Simmental
Link zur Webseite
Berghaus Iffigenalp, Lenk i. Simmental
Link zur Webseite

Übernachtungs­tipps

Colorado Riders Chalet, Crans-Montana
Link zur Webseite
Wildstrubelhütte, Lenk i. Simmental
Link zur Webseite
Berghaus Iffigenalp, Lenk i. Simmental
Link zur Webseite

Teile diese Tour mit deinen Freunden

QR Code

Nimm mich mit

Auch unterwegs diese schöne Tour dabei haben oder untereinander teilen. Einfach mit dem Handy den QR-Code einscannen, im Anschluss öffnet sich diese im Browser deines Handys.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert